Predigten Scheier

 

Predigt Lukas 15, 11-32
Der verlorene Sohn

Liebe Gemeinde,

Maren sitzt den dritten Tag in Folge zwischen den alten Sachen ihrer Urgroßmutter. Sortieren, wegschmeißen, Schätze finden. Vor einer Woche ist Marens Großmutter gestorben und nun müssen nicht nur ihre Sachen, sondern auch noch die der Urgroßmutter ausgemistet werden. „Dass es dafür auch heute, im Jahr 2143 noch keine Roboter gibt, die einem diese lästige Arbeit abnehmen.“ Schießt es Maren durch den Kopf. Aber auch heute können Roboter keine Emotionen haben, sentimentalen Wert verstehen. Also muss sie sich immer noch selbst durch die Erinnerungsstücke wühlen.

Es ist schon spannend! Vor allem die ganzen Bücher, soetwas gibt es doch gar nicht mehr, viel zu zerbrechlich. Heute ist alles digital.

Am interessantesten sind die Bücher, in die ihre Urgroßmutter noch selbst mit Hand hineingeschrieben hat. Leider kostet es viel Zeit, aber es macht Spaß zu lesen, was da so komsiches drin steht. Maren fällt wieder mal eins in die Hände. Gespannt öffnet sie es und beginnt zu lesen:

„Vater, ich danke dir für die schöne Zeit mit meinen Kindern heute im Garten. Danke, dass wir uns haben, dass wir gesund sind, dass du uns so reich beschenkst…“

Maren ist etwas verwirrt, da steht zwar Vater, aber offenbar ist damit nicht ihr echter Vater gemeint. Da entdeckt sie ein „Amen“ am Ende des Textes und erschrickt. Darüber hatte sie mal was in der Schule gelernt. Wie hieß das noch – ja „Gebet“. Ihre Urgroßmutter hat anscheinend ein Gebet aufgeschrieben. Sollte das etwa heißen ihre Urgroßmutter ist Christin gewesen? Von denen hatte sie immer nur in Dokumentationen oder noch zu Schulzeiten gehört. Das müssen sehr seltsame Leute gewesen sein. Eine Bewegung, die es wohl fast 3000 Jahre gab. Heute konnte man eigentlich sagen, gab es sie nicht mehr. Nur noch ganz vereinzelt hört man mal, dass es noch einige Anhänger geben sollte.

Es muss schon zu der Zeit ihrer Urgroßmutter angefangen haben, dass diese Gruppierung an Bedeutung verlor. Laut der Geschichtsbücher müssen die Kirchen, in denen sie eingeteilt waren, mal ganz gute Arbeit gemacht haben, bis sie, ja was eigentlich? Bis die Leute sie wohl nicht mehr brauchten. Außerdem muss es Missbrauchsskandale gegeben haben. Viel Lug und Trug, obwohl viele Leute wohl mal dachten, diese Christen müssten besser sein. Naja auf jeden Fall waren eigentlich alle froh, davon befreit zu sein. Fehlen taten sie nicht. Aber dass ihre Urgroßmutter dazugehörte – unglaublich! Das sollte besser niemand erfahren. Als Maren das Notizbuch in die Müllkiste werfen will, fällt ein Zettel heraus. Diesmal mit Druckbuchstaben, nichts handgeschriebenes. Seite 1259, überschrieben mit Lukas 15. Maren kann nicht anders, sie beginnt zu lesen:

Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere sagte zu ihm: ›Vater, gib mir den Anteil am Erbe, der mir zusteht!‹ Da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden auf. 13 Wenige Tage später hatte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil verkauft und zog mit dem Erlös in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und brachte sein Vermögen durch. 14 Als er alles aufgebraucht hatte, wurde jenes Land von einer großen Hungersnot heimgesucht. Da geriet auch er in Schwierigkeiten. 15 In seiner Not wandte er sich an einen Bürger des Landes, und dieser schickte ihn zum Schweinehüten auf seine Felder. 16 Er wäre froh gewesen, wenn er seinen Hunger mit den Schoten, die die Schweine fraßen, hätte stillen dürfen, doch selbst davon wollte ihm keiner etwas geben. 17 Jetzt kam er zur Besinnung. Er sagte sich: ›Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, und alle haben mehr als genug zu essen! Ich dagegen komme hier vor Hunger um. 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; 19 ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mach mich zu einem deiner Tagelöhner!‹ 20 So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Dieser sah ihn schon von weitem kommen; voller Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 ›Vater‹, sagte der Sohn zu ihm, ›ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ 22 Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Schnell, holt das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm ein Paar Sandalen! 23 Holt das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen ein Fest feiern und fröhlich sein. 24 Denn mein Sohn war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern. 25 Der ältere Sohn war auf dem Feld gewesen. Als er jetzt zurückkam, hörte er schon von weitem den Lärm von Musik und Tanz. 26 Er rief einen Knecht und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe. 27 ›Dein Bruder ist zurückgekommen‹, lautete die Antwort, ›und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn wohlbehalten wiederhat.‹ 28 Der ältere Bruder wurde zornig und wollte nicht ins Haus hineingehen. Da kam sein Vater heraus und redete ihm gut zu. 29 Aber er hielt seinem Vater vor: ›So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt. Und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können! 30 Und nun kommt dieser Mensch da zurück, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb für ihn schlachten!‹ – 31 ›Kind‹, sagte der Vater zu ihm, ›du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. 32 Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen; denn dieser hier, dein Bruder, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.‹«

 

Eine interessante Geschichte, dachte Maren. Sie musste sofort auch an ihre Schwester denken und dass die beiden auch ganz schön unterschiedlich waren.

Der Verfasser dieser Geschichte musste jemand sein, der selbst Geschwister hatte. Wie sonst hätte er so präzise und so einfühlsam eine solche Familie beschreiben können?

Aber woher kam diese Buchseite? Gab es da nicht so ein Buch, das Christen lasen? Ein Buch, bei dem sie angeblich behaupteten, es käme irgendwie von Gott?

Aber konnte diese Geschichte aus der Bibel sein?
Eigentlich nicht - schließlich war doch bekannt, dass in der Bibel nur weltfremde Geschichten von Gott oder einen Haufen von unmenschlichen Geboten standen. Diese Geschichte hier war ganz anders. Sie war weltlich und menschlich. Weltlich, weil die Welt in dieser Geschichte, eine sehr reale Welt war, mit Hungersnöten und katastrophalen Arbeitsbedingungen. Und menschlich auf der anderen Seite, weil sie so einfühlsam geschrieben war, sodass man sich gut in jede Person dieser Geschichte hineinversetzen konnte.


Erst jetzt, beim genaueren Nachdenken merkte Maren, wie anders diese Geschichte war; wie sehr sie sich von dem unterschied, was es sonst im Jahr 2143 zu lesen gab: Romane, Essays, Leitartikel, die meistens nur einem einzigen Ziel dienten: dem Ziel, die Moral des Volkes zu stärken. Brave Bürger zu bleiben, Nachkommen zu produzieren und vor allen Dingen: effizient und leistungsorientiert zu arbeiten.
Einfache Botschaften, die die Menschen motivieren und beeinflussen sollten, damit die Wirtschaft nicht ins Stottern geraten würde.
Einfache Botschaften, die Maren im Grunde ihres Herzens hasste, weil sie die Menschen für dumm verkauften. Denn so einfach war das Leben nicht. Es gab nicht nur schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch. Wie wohltuend erschien ihr da diese seltsame und wenn man der urtümlichen Sprache nach urteilten konnte, alte Familiengeschichte, die offenkundig keine einfache und platte Moral verbreiten wollte. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass der verlotterte, jüngere Sohn am Ende in Ehren aufgenommen wird, passte so gar nicht zu den Vorstellungen des Jahres 2143, wo es meistens darum ging, effektiv und schnell zu arbeiten.

Nein, eine platte Moral will diese Geschichte nicht erzählen, etwas ganz anderes steht in ihrem Mittelpunkt, dachte Maren und sah sich noch einmal diese eine Stelle an, die ihr schon beim ersten Lesen eine Gänsehaut bereitet hatte: die Stelle, als der jüngere Sohn nach Hause kommt und von seinem Vater mit offenen Armen empfangen wird. Eine Stelle, die Maren auch beim zweiten Lesen zu Herzen ging und ihr die Tränen in die Augen steigen ließ. „So ein Mist“, dachte sie und griff nach einem Taschentuch. Normalerweise war sie wirklich keine, die nah am Wasser gebaut war, doch diese Szene berührte sie. Berührte sie, weil sie auf einmal an ihre eigene Tochter denken musste.
Sie konnte diesen Vater in der Geschichte so gut nachvollziehen. Ihre Tochter war mit ihren 6 Jahren zwar noch weit davon entfernt nach ihrem Erbteil zu fragen, aber Maren konnte sich auch nichts vorstellen, was ihre Liebe zu ihrer Tochter trüben oder vermindern könnte.


Es ist diese Liebe, die diese kleine Geschichte antreibt, dachte Maren, eine Liebe, die so stark ist, dass sie durch alle Fehler und alles Trennende hindurchsieht, eine Liebe, die so unverbrüchlich ist, dass sie durch keine Einwände, selbst durch die vernünftigen nicht, verunsichert werden kann. Gedanken, bei denen sie an die Worte des Vaters in der Geschichte denken musste, wie hieß es da doch gleich: „denn dieser hier, mein Sohn, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden“.
Wieder und wieder las Maren diese geheimnisvollen Worte und eines wurde ihr bei jedem Lesen deutlicher: dass die Liebe, die in diesen Worten zum Ausdruck kam, jede noch so starke zwischenmenschliche Liebe übersteigt. Die Liebe, die der unbekannte Verfasser in eine Geschichte gegossen hatte, ist eine Liebe, die selbst an der Grenze des Todes nicht Halt macht. Eine Liebe, die noch über das hinaus ging, was sie selbst für ihre Tochter empfand. „denn dieser hier, mein Sohn, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden“.

Was, wenn der Verfasser dieser Geschichte recht hatte und es tatsächlich etwas gab, was den Tod überwinden könnte. Was wenn sie alle falsch liegen, ihre Zeitgenossen, die im Namen der Vernunft, womit sie in der Regeln ihren eigenen, engen Horizont meinten, die also im Namen der Vernunft immer wieder verkündeten, dass mit dem Tod alles aus und vorbei sei? Und dass es deshalb darum gehe, möglichst viel in diesem Leben aus dieser Welt und aus seinen eigenen Möglichkeiten herauszuholen und Erfüllung zu finden.
Was, wenn sie alle falsch liegen? Was, wenn es da doch noch etwas gibt, doch noch jemanden gibt? Eine Macht, einen Vater wie in der Geschichte, einen (Maren wagte sich kaum, das Wort zu denken) einen Gott, der die Menschen liebt, der alle Menschen liebt, nicht nur die beständigen Musterschüler, sondern auch die Irrläufer und Verlierer des Lebens? An einen solchen Gott würde sie gerne glauben, dachte sie. Den Vater aus der Geschichte. So sollte der Gott sein, an den sie glauben wollte.

Sie steckte die Buchseite in ihre Hosentasche und das Notizbuch ihrer Urgroßmutter packte sie doch lieber in ihre Tasche. Sie hatte das Gefühl tatsächlich einen Schatz gefunden zu haben und sie sagte: „Danke Vater!“

Amen.

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