"Geh voran, bleibt alles anders." (Herbert Grönemeyer)

Gemeinde damals und heute - was da noch kommt.

Liebe Gemeinde,

Wieso kommen Sie in die Kirche zum Frieden Gottes?
Ich erwarte nicht, dass Sie mir das jetzt beantworten, aber vielleicht kann ich mich mit einigen mal darüber unterhalten. Kommen Sie aus Gewohnheit? Weil es die naheliegendste Kirche ist? Weil Sie sich verpflichtet fühlen? Oder sind es die Menschen? Ist etwas besonders hier?

Vor Kurzem war ein Artikel in der Gladbacher Zeitung über eines unserer Gemeindeglieder und am Ende des Artikels sagte dieses Gemeindeglied, dass er so gerne in die Kirche Zum Frieden Gottes kommt, weil Zitat: „Die Gemeinde ist so voll mit Liebe, freundlich und nett.“

Wie schön ist das zu hören!

In den letzten Jahren haben Sie als Bezirk einiges Hin und Her durchgemacht. Verschiedene Pfarrpersonen, Diskussionen um die Schließung der Kirche, die Frage danach, wie es hier weitergeht. Und es ist noch nicht vorbei.

Seitdem ich hier bin, habe ich schon viel gehört über frustrierende Erfahrungen, die Sehnsucht nach Beständigkeit und Wehmut um der vergangenen Zeiten wegen. Ich möchte Ihnen sagen, ich bin nicht die Rettung, aber ich sehe Potenzial. Ich werde Dinge verändern, verändern wollen, aber das wird nicht immer allen gefallen, wir Menschen sind Gewohnheitstiere.

Der Predigttext für den 14.06.2020 hat mich dazu bewegt Sie darauf anzusprechen:

Apostelgeschichte 4, 32-37:

32 All die vielen Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand von ihnen betrachtete etwas von seinem Besitz als persönliches Eigentum; alles, was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. 33 Mit großer Kraft und bestätigt durch Wundertaten bezeugten die Apostel Jesus als den auferstandenen Herrn, und für alle sichtbar lag großer Segen auf der ganzen Gemeinde. 34 Es gab unter ihnen niemand, der Not leiden musste. Denn die in der Gemeinde, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, wenn es an etwas fehlte, brachten den Erlös herbei 35 und legten ihn vor den Füßen der Apostel nieder. Das wurde dann unter die Bedürftigen verteilt. 36 So machte es auch Josef, ein Levit aus Zypern, den die Apostel Barnabas nannten, das heißt »der Mann, der anderen Mut macht«. 37 Er verkaufte seinen Acker, brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Wenn ich das lese, regen sich in mir zweierlei Dinge:

Entweder ich glaube das nicht, oder ich werde wütend.

Ich kann das nicht glauben, denn meine Erfahrung von Gemeinde ist so anders. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich habe diesen Beruf ja auch gewählt, weil ich sehr wundervolle Erfahrungen in Gemeinde gesammelt habe, weil ich auch eine ganz besondere Gemeinschaft erlebt habe, weil Gottes Geist spürbar war. Aber ich habe erlebt, und erlebe das auch hier in der Großgemeinde Bergisch Gladbach, dass wir ganz und gar nicht perfekt sind und schon gar nicht ein Herz und eine Seele!

Wenn es aber doch so gewesen sein soll, wie Lukas hier berichtet, dann bin ich wütend und vielleicht auch neidisch, weil das heute nicht so ist. Ich frage mich dann, ob der Geist bei mir nicht wirkt, ob ich was falsch mache oder was das soll.

Aber wissen Sie was, ich habe mal weitergelesen…

Die Geschichte, die auf unseren Predigttext folgt, erzählt von Hananias und seiner Frau, die beide betrügen und wollen sich toll darstellen. Also doch nicht alles perfekt – eigentlich alles wie überall, menschlich, sündhaft.

Das hat mich daran erinnert, als mein Mann und ich nach unserer Tochter überlegten, ob wir noch ein Kind wollten. Ach, ich wollte so gerne. Ich sagte ihm, dass ich doch so gerne schwanger war, dass das so eine schöne Zeit war und ich das gerne nochmal hätte (und auch das Kind, dass dabei herauskäme). Mein Mann war etwas verwirrt, er hatte das nämlich anders in Erinnerung. Er fragte mich, ob ich mich denn nicht mehr erinnerte wie übel mir am Anfang war, dass ich mich eigentlich immer unwohl gefühlt hätte, ständig gemeckert hätte, dass mein Bauch so dick war und ich mir nicht mehr ordentlich die Schuhe zubinden konnte, über das Sodbrennen und nicht mehr richtig schlafen zu können… Ja also, mit manchem hätte er ja recht, aber das wäre doch gar nicht so schlimm gewesen, es wäre doch eine tolle Zeit gewesen.

Ich glaube dieses Phänomen kennen wir alle. In der Erinnerung tendieren wir manchmal dazu nur das Gute zu sehen. Da werden Zeiten im Leben ein wenig schöner gemacht als sie tatsächlich waren. Früher war eben alles besser 😉 Und ich wage zu behaupten, dass Ihnen das hier in der Gemeinde vielleicht auch so geht. Das es Ihnen in Ihrem Leben so geht.

Wenn ich jetzt manchmal höre von den Kulturtagen, den vollen Gottesdiensten, Taufen am Bach… Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich glaube das waren tolle Zeiten, aber ich wage zu bezweifeln, dass immer alles toll war. Im Rückblick verschwindet so manches Leid und mancher Streit den man hatte und das ist auch gut so. Lassen Sie uns gerne das Schöne erinnern.

Gerne höre ich mir in den nächsten Wochen und Monaten an, was ihre Erfahrungen waren in dieser Gemeinde, höre, was schön war, was sie vermissen, was sie sich wünschen.

Aber dann lassen sie uns in die Zukunft blicken. Ich glaube nämlich, was uns die Beschreibung der ersten Gemeinde sagen will, ist: Seht mal was möglich ist, wozu der Geist Gottes in der Lage ist, wenn wir ihn nutzen, wenn er wirken kann.

Es ist nämlich was anderes, wenn wir gefragt werden, wie es jetzt ist.

So sehr wir vielleicht dazu tendieren Dinge besser zu erinnern als sie waren, so sehr erlebe ich es, tendieren wir dazu im Jetzt nur das Schlechte zu sehen. Nicht nur in Gemeinden, auch im Persönlichen. Wir idealisieren die Vergangenheit und setzen Hoffnung in die Zukunft, aber das Hier und Jetzt malen wir oft schwarz.

Ständig wechselnde Pfarrpersonen, immer Diskussion um das Kirchgebäude, sinkende Gemeindegliederzahlen, das Mikro zu leise, das Licht zu dunkel, ein Rechtschreibfehler im Gemeindebrief, kein Geld, die neue Pfarrerin, die zu schnell redet… wer weiß, was Ihnen da noch auffällt. Und es ist auch gut zu benennen, was nicht gut läuft, woran wir arbeiten müssen. Aber wir sollten auch in der Gegenwart sehen was gut ist, ohne die Probleme zu verschweigen.

Wir brauchen uns nicht entmutigen zu lassen, wenn es nicht perfekt ist. Wir sehen an der Erzählung aus der Apostelgeschichte, auch da gab es Probleme und trotzdem hat die Botschaft von Gottes Liebe eine weltweite Kirche hervorgebracht, hat bis zu uns heute gereicht.

Und wir können uns darauf verlassen, dass Gott auch eine Vision für uns hat. Und solch eine Vision, kann das Jetzt auch schon verändern.

In der Seelsorge gibt es eine Methode, die genau das anwendet.

Die Frage ist – wie sähe es aus, wenn es gut wäre?

Wie sähe Gemeinde aus, die gut ist? Wie sähe aber auch ihr Leben aus, ihre Beziehungen, ihre Arbeit, wenn es gut wäre? Was müsste sich dafür ändern? Wie kommt man dahin?

Solch eine Vision kann verrückt wirken. Bestimmt werden wir zu hören bekommen, dass das niemals klappt, dass wir uns doch besser darauf einstellen sollten die Kirche zu schließen.

In meiner Heimatgemeinde war ein Pfarrehepaar. 30 Jahre waren die beiden dort schon im Dienst und die Gemeinde hatte sich schon stark verändert. Nun war der Punkt gekommen, an dem die Zahl der Leute, die regelmäßig das Gemeindehaus nutzen wollten, für Hauskreise, Jugendgruppe, Kinderarbeit und Seniorenkreise, so stark angestiegen, dass einfach nicht mehr genug Platz war. Gott hatte sie dahin geleitet, über viele Jahre und in ihnen war die Vision eines neuen Gemeindehauses gereift. Es bestand keine Chance, dass die Landeskirche etwas dazuzahlen würde, das Geld ist zu knapp, vor allem für neue Gebäude. Also war klar, dass die Gemeinde es, wenn selbst schaffen müsste. Eine Millionen Euro bei 2500 Gemeindegliedern und ca. 350 regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen.

Wie sollte das gehen? Aber ich würde ihnen die Geschichte an dieser Stelle nicht erzählen, wenn es nicht doch funktioniert hätte. Fast 500 Leute haben sich bereit erklärt über einen längeren Zeitraum einen bestimmten Betrag monatlich zu spenden, sodass genügend Geld zusammenkam und dort heute lebendige Gemeinde in schon wieder fast zu wenig Räumen stattfinden kann.

Ich glaube, wenn es nicht allein unsere Vision ist, sondern wir uns dabei von Gottes Geist leiten lassen, ihn fragen und zuhören, ihm Zeit geben, dann ist alles möglich. Ich bin gespannt und freue mich auf die nächsten 2 Jahre und die Vision, die Gott für die Kirche zum Frieden Gottes, für uns hat.

 

 

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