Predigten Scheier

 

Predigt - 4.Sonntag nach Trinitatis 2020

Römer 12, 17-22

Liebe Gemeinde,

Anfang letzten Jahres durfte ich mit meinem Vikarskurs, also den anderen angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern eine Kursfahrt nach Südafrika machen. Wir haben viele interessante und nette Leute kennenlernen dürfen. Haben gelernt, was es bedeutet mit Apartheid aufzuwachsen und welche Schwierigkeiten dort heute noch aktuell sind.

An einem Tag sind wir in das Apartheid Museum in Johannesburg gegangen. Der Mann, der uns die Führung gegeben hat konnte aus seiner eigenen Erfahrung berichten und erzählte uns von dem Moment als Nelson Mandela, nach 27 Jahren Haft endlich frei gelassen wurde. Er erzählte, dass er als Schwarzer Südafrikaner mit vielen Anderen auf der Straße unterwegs war. Sie waren bewaffnet mit Schlagwerkzeugen, Fackeln und Glasflaschen. Sie waren bereit sich endlich zu wehren, zurückzuschlagen gegen die Jahrelange Diskriminierung und Unterdrückung der weißen Bevölkerung.

Sie konnten es kaum erwarten ihren Führer Nelsen Mandela zu empfangen, von dem sie nicht einmal wussten, wie er aussah, denn in den letzten 25 Jahren durften keine Fotos von ihm veröffentlicht werden. Sie waren gefasst auf seine Rede, die sie motivieren sollte, sich endlich zu rächen.

Doch dann trat Nelson Mandela endlich auf die Bühne. Die Stimmung war angespannt und aggressiv. Nelson Mandela fing an zu reden und sagte unglaubliches. Er forderte sie nicht zum Kampf auf. Er schien überhaupt nicht verbittert nach den letzten 30 Jahren. Viele seiner Freunde und so mancher aus seiner Familie war von seinen Gegnern aus dem Weg geräumt worden und trotzdem sagte er nun: „Werft eure Waffen ins Meer. Wir dürfen auf Gewalt und Hass nicht mit Hass und Gewalt antworten.“

Als dieser Mann das erzählte bekam ich Gänsehaut. So lebendig kann Geschichte werden und so real können Bibelgeschichten werden.

 

Der Predigttext für heute steht im Römerbrief 12, 17-22

Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Bemüht euch um ein vorbildliches Verhalten gegenüber jedermann. Wenn es möglich ist und soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden. Rächt euch nicht selbst, liebe Freunde, sondern überlasst die Rache dem Zorn ´Gottes`. Denn es heißt in der Schrift: »´Das Unrecht` zu rächen ist meine Sache, sagt der Herr; ich werde Vergeltung üben.«  Mehr noch: »Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Ein solches Verhalten wird ihn zutiefst beschämen.« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem.

 

Mal wieder einer dieser moralischen Texte von Paulus.

Rom war wohl das Zentrum der damaligen Welt. Hauptstadt des römischen Reichs und somit Heimat aller möglichen Kulturen und Gruppierungen. Christen waren dort nicht gern gesehen, standen sie doch unter Generalverdacht das System stürzen zu wollen. Man kann davon ausgehen, dass sie ziemlich diskriminiert oder sogar verfolgt wurden. Und da ist es doch wohl auch verständlich, wenn man sich dagegen wehren möchte.

Ebenso wie bei der schwarzen Bevölkerung in Südafrika unter der Apartheid. Doch in beiden Fällen taucht eine Führungsperson auf und fordert die Menschen dazu auf friedlich zu sein, freundlich auf die zuzugehen, die sie unterdrücken.

Ich muss gestehen in mir regt sich Widerstand, das kann ich nicht, denke ich.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber ich habe wohl schon immer einen sehr ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit gehabt. Dabei fällt es mir manchmal sehr schwer unser Rechtssystem nachzuvollziehen, weil ich mir gerechtere Strafen wünsche. Deshalb liebe ich Hollywoodfilme in denen es um Rechtsstreitigkeiten geht, da macht es einem das schwarz-weiß Denken und die Happy Endings so schön einfach. Aber so ist das Leben nicht. Es gibt so viel Ungerechtigkeit, die auch unsere Gesetze und auch das Rechtssystem nicht aufheben können. Und jetzt kommt auch noch dieser Bibeltext hinzu, der mir sagt, dass ich auf Böses mit Gutem antworten soll. Das es nicht an mir liegen soll, wenn kein Frieden möglich ist. Dass ich mich nicht selbst rächen soll, sondern das Gott überlasse.

Und ich denke dann nur, das kann ich nicht.

Wenn ich mir vorstelle (und ja das mag ein etwas dramatisches Scenario sein), dass sich jemand an einem meiner Kinder vergeht, dann kommt es mir unmöglich vor zu sagen ich überlasse die Rache Gott und bleibe friedlich oder gar freundlich und liebevoll. Das kann ich nicht.

Und ich glaube das stimmt auch – ICH kann das nicht. Aber wissen Sie wie in meiner Bibelausgabe dieser Abschnitt überschrieben ist: Folgerungen aus dem Geschenk der Gnade für das Leben der Christen.

Ich kann das nicht was Paulus da verlangt. Aber er weiß, dass in mir als Christin Gottes Geist wohnt und dass das zum Ausdruck kommen soll, genau in solchen Momenten. Wenn wir Fähigkeiten in uns entdecken, die eindeutig nicht unsere sind. Wenn wir Dinge aushalten, die über unser Maß gehen oder wenn wir in der Lage sind zu vergeben, obwohl wir das für unmöglich gehalten hätten.

Vor einigen Jahren geschah in der Nähe meiner Heimat ein Mord an einem 10-Jährigen Jungen. Er war auf dem Heimweg verschwunden und erst nach Monaten konnte der Täter gefunden werden. Keine schöne Geschichte, aber das berührende an dem Fall war für mich die Familie des Jungen. Sie erzählten, dass sie, verständlicherweise, am Boden zerstört waren, als sie erfuhren, dass Ihr Sohn verschwunden war, aber sie haben jeden Abend mit der ganzen Familie gebetet. Gebetet für sich um Kraft, gebetet für die Sonderkommission und gebetet für den Täter. Als dieser dann ausfindig gemacht werden konnte, erlebten sie, dass sie es in sich finden konnten ihm zu vergeben. Nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern das Böse mit Gutem überwinden. In sich selbst. Der Hass, den jeder von uns verstehen könnte, der konnte in ihren Herzen keine Wurzeln schlagen, stattdessen konnten sie mit Vergebung antworten. Und ich finde da hat der Bibeltext Recht, das ist tatsächlich beschämend für den Täter.

 

Ich weiß nicht ob es ihnen auch so geht, aber im ersten Moment meine ich bei solchen Texten, die Liebe fordern, dass damit ausgeschlossen wäre, dass Christen sich wehren. Doch bei näherer Betrachtung finde ich, dass eine der stärksten Waffen ist, die es gibt. Sie ist die einzige, die wirkliche Veränderung im Gegenüber hervorrufen kann. Sie kann entwaffnen und sie kann verletzen, weil sie die Wunden offenlegt, den Finger in die Wunde legt.

 

Blick auf die andere Seite.

Vielleicht sind Sie da ganz anders, aber ich fühle mich hier als angesprochene von Paulus natürlich immer in der Rolle der Guten. Ich soll Böses nicht mit Bösem vergelten – Ich bin nicht die, die Böses tut, das sind logischerweise immer die Anderen. Doch wenn wir alle so denken, und vor allem wenn das stimmen würde, dann wären wir ja am Ende doch alle gut, naja oder alle böse, je nach Blickwinkel. Mh – na vielleicht ist da auch was dran.

 

Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, wenn mein Mann und ich uns streiten, weil er sich natürlich mal wieder anstellt, oder weil er mich einfach nicht versteht, dann versuche ich mir die Situation so vorzustellen, als wäre ich er und er wäre ich. Wie würde ich das Ganze dann wahrnehmen? Und ich kann ihnen sagen, das Ergebnis ist manchmal ziemlich frustrierend! Es kommt nämlich durchaus vor, dass ich tatsächlich zugeben muss, naja, dass er Recht hatte sich aufzuregen, dass ich unfair war oder überreagiert habe…

In jeder und jedem von uns steckt beides, die Anlage für Gut und Böse. Manchmal meinen wir es vielleicht sogar gut und schaden dabei trotzdem anderen oder wir sehen gar nicht was wir anrichten, weil wir unachtsam sind und ab und zu ist wohl auch jede und jeder mal ganz bewusst fies, unfreundlich oder böse. Dann haben wir verständliche Gründe und sowieso haben die Anderen das verdient… Aber wie schön wäre unsere Welt, wenn wenigstens wir damit anfangen würden nicht gleiches mit gleichem zu beantworten, sondern aus der Liebe Gottes in uns die Kraft und Fähigkeit finden würden diesen Kreislauf zu durchbrechen.

 

Und das heißt nicht, dass alles egal ist und niemand je für irgendwas zur Rechenschaft gezogen wir. Auch die Vergebung der Eltern des 10-Jährigen Jungen bedeutet nicht, dass die Tat des Täters gutgeheißen wird. Aber das Böse, das in Gang gesetzt wurde, kann sich nicht weiter ausbreiten. Es stirbt an der Stelle ab, an der wir Liebe als Unkrautvernichter einsetzen und stattdessen Gutes säen.

Paulus gibt uns mit auf den Weg, dass wir das guten Gewissens machen können, denn Gott versichert uns sein Gericht, in dem wahre Gerechtigkeit stattfinden kann, die dann aber wohl auch ganz anders aussieht, als alles was wir hier auf Erden an Gerechtigkeit kennen.

Unsere Aufgabe ist Liebe, nicht nur, weil das für unser Gegenüber gut ist, sondern auch, weil es uns frei macht.

Wenn wir anschauen, wie konsequent Jesus das durchgezogen hat, statt mit Bösen zu antworten die Liebe regieren zu lassen, dann können wir aber auch sehen wohin das führt. Es ist nicht so, als wäre dann immer alles super, als würde Gott uns dann vor Übel beschützen oder als würden sich alle Menschen zum Guten verändern. Bei Jesus führt das Ganze sogar schließlich zum Tod. Seine Gewaltlosigkeit wird als Schwäche gesehen und verspottet, doch am Ende wird sichtbar, dass Liebe wirklich die stärkste Waffe ist: Die Liebe konnte den Tod besiegen.

 

Also:

Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem.

 

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